... unsere Kinder 6 Monate lang kaum Schulunterricht haben

  • Ich glaube auch nicht mehr an einen regulären Schulbetrieb in 2020. Lockerungen und Kontaktbeschränkungen werden wir im Wechsel mindestens noch bis ins nächste Frühjahr haben. Und das müssen die Schulen ja entsprechend umsetzen. Mit Normalbetrieb hat ja das, was im von DerSchü zitierten Brief seiner IGS, nicht wirklich zu tun, ich finde das eher dystopisch.


    Unter Wissenschaftlern war ja von vorneherein klar, dass eine Pandemie (d.h. "neuer" Erreger, gegen den keiner Immun ist) 2-3 Jahre braucht.

    Derzeit heisst es: "Wir müssen auf mindestens weitere 18 bis 24 Monate bedeutender Covid-19-Aktivitäten vorbereitet sein, wobei in verschiedenen geografischen Gebieten periodisch Hotspots auftreten werden." (Quelle)


    Da brauchen wir uns nix vormachen.


    Grüsse

    Tom

  • Zitat von Opa

    Ich konnte persönlich Englisch nie leiden. Mit viel Schummelei und einer Folge von Englischlehrerinnen, die schlechte Noten nicht übers Herz brachten, habe ich dann mit einer Drei in der elften Klasse Englisch abgewählt. Ich konnte nicht mal eine Pizza auf englisch bestellen. Im Studium war damals fast nur auf englisch interessantere Literatur erhältlich, und das Internet war komplett englisch (Anfang der 90er). Ich habe innerhalb von knapp einem Semester englisch so weit gelernt, dass ich hochphilosophische Diskussionen führen konnte. Damit will ich mich nicht selber loben, sondern im Gegenteil ein Beispiel von einem sehr einseitig naturwissenschaftlich begabten Schüler, der mit genügend Motivation in drei Monaten sechs Jahre Schule nachgeholt hat.


    Zweites Beispiel, auch aus jener Zeit: Ich habe einen kleinen Internet-Kurs an unserer Schule gehalten. Damals hat man nicht in der dritten, sondern erst in der fünften Klasse englisch gelernt. Die Fünft- und Sechstklässler konnten mit "join" "nick" "part" "load" "save" "user" ... kein deutsches Wort verbinden, und ich habe denen eine Liste gemacht, was sie alles nächste Woche können sollen. Die haben den kompletten Befehlsumfang von IRC in einer Woche als aktiv abrufbares Wissen! Das war nur eine kleine AG, d.h. das sind genau die Schüler, die nach vorsichtigen Schätzungen zwei bis zehnmal so schnell lernen könnten wie das übliche Lerntempo, und die im Unterricht gebremst werden.

    Das sind keine Beispiele für eine gezielte Ausbremsung von Schülern, sondern für einen unmotivierten Schüler und eine inkonsequente Lehrerin, sowie ein einzelnes Fallbeispiel.


    Zitat von Opa

    Ein heutiger Bachelor schafft oft keinen Dreisatz mehr, selbst in Ingenieurswissenschaften. Meinst Du das kommt vom schlechten Essen oder doch eher vom Bildungssystem?


    Ein Bekannter Lehrer erzählt immer von den drei ohmschen Formeln. Seine Aussage: "Die Kinder sind nicht mehr in der Lage Widerstand=Spannung pro Strom nach der Spannung aufzulösen." Wenn ich dann genauer nachbohre einigen wir uns immer darauf, dass es ein paar gibt, die das wirklich nach x-facher Erklärung immer noch nicht kapieren, und er dann wegen der x-fachen Erklärung keine Zeit mehr für die hat, die es schon nach dem ersten mal kapiert hätten, wenn er es ihnen denn einmal wirklich erklärt hätte.

    Ist dieser Lehrer nicht in der Lage, denjenigen, die das schneller kapieren bereits einen Auftrag zu erteilen (uns später zusätzliche anspruchsvollere Aufgaben) und das den anderen nochmals zu erklären?


    Und weshalb es ein Bachelor überhaupt an eine Hochschule schafft, wenn er nicht mal einen Dreisatz lösen kann, entzieht sich meiner Logik.


    Zitat von Opa

    In die andere Richtung: Als eines unserer Kinder in der zweiten Klasse war, hat die Lehrerin immer noch im Zahlenraum bis zehn das Rechnen unterrichtet, ungefähr bis Weihnachten, weil sie unbedingt ein paar superlangsame Schüler mitnehmen wollte. Die konnten dann wohl am Ende der zweiten Klasse bis 20 rechnen. Aber eben auf Kosten der anderen Schüler.

    Da hätte ich als Vater insistiert. Zuerst bei der Lehrerin selber und falls nötig im zweiten Schritt beim Schulleiter (Rektor).


    Zitat von Opa

    Gute Schüler werden gebremst, schlechte hochgepäppelt. Zeig mir ein einziges Beispiel, bei dem es anders ist. Ausgenommen Arbeitsgemeindschaften und Sonderprojekte, die Lehrer oder Eltern sozusagen als Hobby neben dem Regelunterricht machen.

    Weisst du, ich glaube die Schulsysteme die du erlebt hast und in dem ich unterrichte sind einfach zu verschieden und wir diskutieren nicht wirklich vom gleichen methodischen Ansatz. Da können wir noch lange Beispiele hin und her schieben.


    Bei uns gibt es keine IGS sondern verschiedene Klassenniveaus an der Oberstufe der Volksschule. Und ob ich jetzt unsere Rudolf Steiner Schule (Waldorfpädagogik) mit einer IGS gleichsetzen kann, weiss ich auch nicht.




    Aber ich kann dir kurz erläutern, wie das bei unserer Schule aussieht:

    Im regulären Unterricht habe ich für meine Klasse eine zweite Lehrperson (Förderlehrperson), die während 9 Lektionen pro Woche die Lehrpersonen unterstützt. In dieser Zeit arbeitet sie mit den schwächeren Schülern nochmals am bereits behandelten Stoff, während die anderen, welche das Thema begreifen, an weiterführenden Aufgaben arbeiten können.

    So werden die stärkeren Schüler weniger ausgebremst (ich vermeide das Wort nicht) und die schwächeren werden ein Stück weit gestärkt.

    Klar hätte ich lieber in sämtlichen Lektionen diese Unterstützung, aber da hat der Finanzminister noch ein Wörtchen mitzureden...


    Ich hoffe, dir genügt das als ein positives Beispiel.


    Was ich gerne hätte ist, dass es keine fixen Klassen gibt. Vielmehr würde ich unsere drei Niveaugruppen auf jedes einzelne Fach anwenden. So kann ein sprachbegabter Schüler in den Sprachfächern auf einem höheren Level unterrichtet werden als beispielsweise in Naturkunde und Mathe.

    So würde er dort gefördert, wo er seine Stärken hat und in seinen "schwachen" Fächern nicht verheizt.

    Aber vermutlich fliesst das Wasser eher vom Meer zur Quelle hinauf, als dass ich das noch erleben werde.

    Heute ein guter Plan ist besser als morgen ein perfekter Plan.

    -George S. Patton-

  • Bevor das hier eskaliert... ich hab mal nachgedacht, und vielleicht sind wir gar nicht so weit auseinander.


    Ich habe auch besonders extreme Beispiele rausgesucht, um die Richtung überspitzt darstellen zu können. Ich könnte auch viele Beispiele aufzählen, die gar nicht so schlimm sind.


    Weisst du, ich glaube die Schulsysteme die du erlebt hast und in dem ich unterrichte sind einfach zu verschieden und wir diskutieren nicht wirklich vom gleichen methodischen Ansatz.


    Ich glaube nicht, dass Methoden das entscheidende sind. Eine Lehrerpersönlichkeit kann wie mein alter Lateinlehrer im Monolog die Schüler begeistern, eine Nichtlehrerpersönlichkeit geht nach jeder Stunde zitternd aus der Klasse ins Lehrerzimmer, trotz viel Mühe, Einsatz und moderner Unterrichtsmethoden und -materialien.


    Ist nur noch die Frage, wie kriegen wir die Leute, die wir gerne als Lehrer hätten, dazu, ihren Job in der Industrie hinzuwerfen und fürs halbe Geld und bedroht von Elternrechtsanwälten und unerzogenen Schülern in die Schule zu gehen?



    Nick

  • Bevor das hier eskaliert... ich hab mal nachgedacht, und vielleicht sind wir gar nicht so weit auseinander.

    ...

    Ist nur noch die Frage, wie kriegen wir die Leute, die wir gerne als Lehrer hätten, dazu, ihren Job in der Industrie hinzuwerfen und fürs halbe Geld und bedroht von Elternrechtsanwälten und unerzogenen Schülern in die Schule zu gehen?

    Für mich waren wir noch gar nicht auf irgend einer Stufe der Eskalationstreppe.

    Eskalieren tut es für mich eigentlich erst, wenn man sich mangelnder Argumente persönlich angreift. ;)


    Also gemäss meinen Erlebnissen wäre ein erster Schritt schon mal, wenn uns Lehrern seitens der Direktion mehr Rückendeckung geboten würde.

    Ich höre immer wieder und habe selbst auch schon erleben müssen, dass Lehrer gerne konsequenter in den Massnahmen wären. Jedoch werden sie von den Schulleitern zurück gepfiffen, da diese mehr Angst vor irgendwelchen Anwälten haben als die Lehrer selbst.

    Nicht mehr Lohn oder *hüstel* mehr Ferien....

    Heute ein guter Plan ist besser als morgen ein perfekter Plan.

    -George S. Patton-

    Einmal editiert, zuletzt von Chuck Noland ()

  • Ich denke, dass es ein wichtiges Kriterium ist, wie Bildung wertgeschätzt und als Weg nach oben begriffen wird. Das war während des zweiten Weltkriegs und in der Zeit danach der Fall, da bemühte sich der Schüler aktiv um Wissenserwerb und auch Unterricht durch ältere Leute und ältere Schüler wurde gerne angenommen, eben alles, wo man etwas lernen konnte.


    Momentan haben wir eine Negativsteuerung, bei der Dummdreistsein und Fordern sich mehr lohnen als diszipliniertes Arbeiten. Das kann im Zuge eines wirtschaftlichen Niedergangs dann auch kippen. Wenn man sich den Frieden auf der Straße dann nicht mehr zu Lasten der Leistungserbringer erkaufen kann, kann es für Leistungserbringer attraktiv werden, das Land beschleunigt zu verlassen, und unter den übrigen wird es Marktbereinigungen geben, und ich nehme an, dass sie sich über Altersversorgung keine Gedanken machen müssen.


    Wären meine Kinder noch im schulpflichtigen Alter, würde ich ein eigenes Lernprogramm für sie aufstellen, das sich online erledigen lässt. Meine mittlere Tochter hat auf diese Weise Koreanisch gelernt und konnte das dann in einer Gruppe asiatischer Austauschschüler in der Praxis erproben. Mein Lernprogramm hätte durchaus Schwerpunkte auf Fremdsprachen, Mathematik, Physik, Biologie, Chemie und angewandtem Zurechtkommen in staatlichen Systemen, weil ich das kann, und auf Kunst, Theatergruppe, Geschichte müsste verzichtet werden, aber es würde genügend Life-Musik aus unterschiedlichen Stilrichtungen geben :) Wenn ich das rationalisieren müsste, wären Mathe und Englisch die entscheidenden Fächer, weil sie aufbauend sind, also du z.B. den Stoff aus der Mittelstufe auch in der Oberstufe brauchst. In Geschichte ist das nicht so, wenn du keine Ahnung von den alten Römern hast, kannst du dich dennoch mit dem Kaiserreich befassen usw.


    Ich habe es bei ihnen so gemacht, dass ich sie zu außerschulischen Bildungsveranstaltungen habe gehen lassen, also z.B. Naturwissenschaft für Grundschüler (Volkshochschule), Kochen für Jungs (Jugendfreizeithaus), Erste Hilfe am Tier (Johanniter Unfallhilfe). Sie sollen wissen, dass Lernen nicht nur in der Schule stattfindet, sondern dass einem das Leben schon bestimmte Aufgaben stellen kann, mit denen man dann irgendwie zurechtkommen muss.

  • Das mit dem Dumm stellen kann ich leider aus Erfahrung in der Arbeit bestätigen. Es gibt da wirklich so "Spezialisten", die mehr Zeit in ihren Ausredenkalender investieren als in die produktive Arbeit. Und damit durchkommen!!!!


    Das ist selten, aber sehr häufig höre ich in irgendwelchen Besprechungen: "Damit kenne ich mich nicht aus, also kann ich das auch nicht übernehmen..." oder "Ich habe meinen Entwurf doch an alle gesendet, und mich hat keiner auf den Fehler hingewiesen"...


    Dummheit wird nicht bestraft, sondern als Ausrede anerkannt. Als ich das das erste mal gehört habe, habe ich losgelacht, weil ich dachte, der macht einen Witz. Alle haben mich seltsam angeguckt. Jetzt weiss ich warum... Das war kein Witz.




    Nick

  • So kenn ich das auch - "Freizeit durch Unfähigkeit".


    Aber jetzt arbeite ich mich nicht mehr argumentativ daran ab, sondern verabschiede mich mit den Worten: "Ach, googel es doch SELBST!"

  • Hier die Hygieneregeln von unsrer Schule :):thumbup:


    Hygiene-Regeln.pdf :!:


    "...wer sich nicht an die Regeln halten kann, wird sofort mit einem Arbeitsauftrag nach Hause geschickt! " ||:thumbup:

    Normatilät tsi legidilch enie statsiticshe Häunufg mögilhcer Wahcsrheinlicheikten!

    Meine wichtigsten Ressourcen sind Zuversicht, mein Wissen, Ideen, handwerkliches Geschick und die verknüpfte Improvisation davon!
    Gruß derSchü

  • Das mit dem Dumm stellen kann ich leider aus Erfahrung in der Arbeit bestätigen. Es gibt da wirklich so "Spezialisten", die mehr Zeit in ihren Ausredenkalender investieren als in die produktive Arbeit. Und damit durchkommen!!!!

    Aber das Beste sind Vorgesetzte, die einem eine zusätzliche Aufgabe aufs Auge drücken und wenn man darauf hinweist, daß man schon mehr als genug Aufgaben habe, ein Kollege/eine Kollegin aber noch sehr viel Luft hätte, antworten: Ach gehen Sie mir weg mit dem/der. Sie wissen doch, daß man dem/der so eine Aufgabe nicht übertragen kann. Das kann der/die nicht.

    Einer meiner Chefs schaute dann ziemlich seltsam, als ich ihm sagte: Ja, hier stellt er/sie sich immer schön dumm an und alle fallen drauf rein. Aber um das fette Gehalt aus dem Automaten zu ziehen braucht er/sie dann keine Hilfe.


    Wer sich in einer Firma oder egal wo, erst einmal den Ruf erarbeitet hat nicht belastbar zu sein, lebt dann meist jahrelang sehr komfortabel auf Kosten der Kollegen.


    Oft so lange, bis ein neuer Vorgesetzter kommt, der dann "ausmistet".

    Lache das Leben an, und es knurrt zurück. ( Jean Paul )

  • Wären meine Kinder noch im schulpflichtigen Alter, würde ich ein eigenes Lernprogramm für sie aufstellen, das sich online erledigen lässt.

    *seufzt*

    Genau sowas könnten wir jetzt für unseren Neffen brauchen.

    Lache das Leben an, und es knurrt zurück. ( Jean Paul )

  • Es gibt Länder mit langer Erfahrung in Homeschooling (in De war das ja immer ganz böse).


    Warum kann man von diese Konzepten nicht einiges Umsetzen?

    Wenn man dann endlich mal von der Kleinstaaterei im Bildungsbereich wegkommt und die Resourcen bündelt, sollt das doch auch relativ schnell gehen.


    Und wenn sich die halbe Klasse sowieso alle 14 Tage zum Virenaustausch trifft, dann kann man daraus auch kleine Lerngruppen bilden.


    Funktioniert natürlich nicht, wenn die Eltern die Schule als Verwahranstalten für ihre Nachwuchs betrachten.